Fünf gewinnt!

Ali knallt die Dominosteine auf den Tisch. „Pench! Fünf!“ schreit er begeistert, während sich Mohammed seine hübsch gestylten Haare rauft. „Heute habe ich nur Pech,“ seufzt er und guckt mich betrübt an, „Pech?? Das nennst du Pech?? Du kannst einfach nicht spielen, Mann!“ lacht Ali so laut, dass ich mir die Ohren zuhalten muss. „Spiel mit,“ fordert mich Mohammed flehend auf und schiebt einen dritten Stuhl an den kleinen Beistelltisch, auf dem neben den Dominosteinen ein großer Aschenbecher voller hektisch ausgedrückter Kippen thront. „Nein, danke, ich gehe lieber schwimmen..“ sage ich und und setze zum Gehen an. Ali ruft mir noch hinterher „du traust dich wohl nicht, was! Haha!“ Ich verdrehe die Augen und trolle mich.

Der Pool des Hotels in Duhok, einer kleinen, konservativen Provinzstadt im kurdischen Nord-Irak ist hübsch eingebettet in ein Arrangement aus künstlichen Steinen und Rasen. Eine kleine Schar bärtiger, irakischer Hipster lümmelt gechillt auf den Sonnenliegen, über denen große, bunte Schirme mit Werbung für Babynahrung aufgespannt sind. An den Tattoos erkenne ich, dass sie Christen sind. Eindeutig schmücken Kreuze ihre wohlgeformten, rasierten Oberkörper. Ich springe ins Wasser und versuche zu ignorieren, dass sie plötzlich aufhören zu reden und mich anstarren. Mit meinem Halb-Burkini entspreche ich wohl nicht dem klassischen Bild einer westlichen Frau im Swimming-Pool. Da ich die Blicke nicht erwidere, klingt das Interesse an mir ziemlich schnell wieder ab und ich ziehe entspannt meine Bahnen. Plötzlich ertönt Alis triumphierende Stimme vom Rand des Pools „ich erfrische mich auch bisschen, nachdem ich Mohammed haushoch im Domino geschlagen habe“. Angeber, denke ich genervt. Ali reibt sich die Hände, zupft bedeutungsschwanger seine Badehose zurecht, um den Moment meiner Aufmerksamkeit so richtig auszukosten und wirft Mohammed, der aus dem Zimmerfenster dem Spektakel am Pool beiwohnt, noch einen siegessicheren Blick zu. Dann streift er seine Badelatschen ab, taucht seinen großen Zeh ins Wasser und…springt wie ein aufgescheuchtes Huhn fast in das Plastikblumenbeet hinein, das den Einstieg in den Pool ziert. „Niiieeemals werd‘ ich hier rein gehen! Das ist eisig!“ kreischt er entsetzt. Er grapscht nach seinem T-Shirt und seinen Badelatschen und setzt zum Rückzug an. Jetzt kommt endlich mein Einsatz, die Rache für seine Bemerkung vorhin. „Ali is a chicken, Ali is a chicken! Du traust dich wohl nicht, was?“ feixe ich, was er gar nicht komisch findet. Die Hipster werden von meinem Lachen aus ihrer Selbstinszenierung gerissen und gleiten schön synchron ins kalte Wasser, um Ali zu zeigen, was harte Männer sind; die geölten Bärte halten sie dabei sorgfältig in die Höhe, damit sie nicht aus der Form geraten. Ali gibt sich endgültig geschlagen. Dass ich im Wasser bin ist ja noch erträglich für seine Männlichkeit, aber dass die eitlen Gockel mehr drauf haben sollen als er, das geht wahrlich zu weit. „Ok, du hast gewonnen,“ knurrt er mürrisch, „aber im Domino haben die Typen gegen mich keine Chance!“